125 Jahre OAV
13. März 1900: Gründung des OAV
Unbeachtet von der Presse treffen sich an diesem Abend im Hotel Hamburger Hof am Jungfernstieg 16 Kaufleute und ein Oberlandesgerichtsrat.
Vorausgegangen war eine Initiative von Carl Illies nur elf Tage zuvor: Er setzte sich dafür ein, einen Verein für deutsche Interessen im östlichen Asien mit Sitz in Hamburg ins Leben zu rufen.
So kommen Inhaber oder Teilhaber der zu jener Zeit bedeutendsten Firmen im wachsenden Ostasiengeschäft zusammen und riefen „einen Verein für deutsche Interessen im östlichen Asien mit Sitz in Hamburg“ ins Leben:
Gustav L. Albers und H. W. Heitmann (Kunst & Albers)
Charles von Bose (Carlowitz & Co.)
Julius Brüssel (Hongkong & Shanghai Banking Group Corp.)
Albert F. Gültzow (Siemssen & Co.)
Carl Illies und Max W. Kochen (C. Illies & Co.)
Hermann Jebsen (Herm. Jebsen & Co.)
Philipp Adolf Lieder ((H. Mandl & Co.)
Eduard Lorenz Meyer und Adolf Lasse (Arnold Otto Meyer)
H. C. Eduard Meyer und J. Hinrich Garrels (Meyer & Co., Hongkong und Shanghai)
Paul Pickenpack (Pickenpack, Thies & Co.)
Wilhelm Reiners (Reiners & Co.)
Carl Rohde (Carl Rohde & Co.)
und Otto Rudorf vom Oberlandesgericht
Charles von Bose Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses 1900 bis 1921
Adolf Laspe Schriftführer 1900 bis 1901
Paul Pickenpack, stellvertretender Vorsitzender 1900 bis 1902
Julius Brüssel Schatzmeister 1900 bis 1905
Carl Illies, Vorsitzender 1900 bis 1904
16. März 1901: 1. Ostasiatisches Liebesmahl
Das erste Ostasiatische Liebesmahl findet am 16. März 1901 statt; der jährliche Veranstaltungsturnus basiert auf dem Vorbild des „Annual Dinner“ der China Association.
Entsprechend ist in der Vereinssatzung von der „Schaffung und Erleichterung des geselligen Verkehrs unter den Mitgliedern und Besprechung der deutschen Interessen in möglichst regelmäßigen Zusammenkünften“ die Rede. Extra zu diesem Zweck wird eine „Gesellige Kommission“ gegründet, die zunächst aus Julius Brüssel und Wilhelm Reiners bestand. Sie dient dazu, den fachlichen und geselligen Austausch gezielt zu organisieren und zu fördern sowie die regelmäßigen Treffen und Veranstaltungen wie das Liebesmahl vorzubereiten und die Interessen der Mitglieder zu bündeln.
Die aus heutiger Sicht ungewöhnliche Bezeichnung Liebesmahl basiert auf einem in der (Musik-) Literatur des 19. Jahrhunderts (etwa bei Novalis, Gottfried Keller und Richard Wagner) verbreiteten Begriff. Er beschreibt ursprünglich ein feierliches, geistlich inspiriertes Mahl des Friedens und der Versöhnung mit frühchristlichen Wurzeln, das gemeinsame sakramentale Essen einer Gemeinde.
Findet das erste Ostasiatische Liebesmahl noch im Hamburger Hof statt, ist in letzter Zeit häufig das Hamburger Rathaus der Ort für das Traditionsfest. In jüngerer Vergangenheit gibt es allerdings eine Ausnahme: 2009 ist der Schuppen 52 an der Australiastraße im Hamburger Hafen Ort des Geschehens. Bereits im Vorfeld hat es darüber Unstimmigkeiten im OAV gegeben, in den Augen vieler Mitglieder ist die alte Lagerhalle zu wenig repräsentativ.
Prinz Heinrich als Ehrengast auf dem ersten Liebesmahl: vorn links Carl Illies, neben ihm Julius Brüssel
Seit 1940: Länderausschüsse
Bereits in den Anfangsjahren des OAV wird je eine chinesische und japanische Kommission gegründet, was zur Etablierung der Abteilung für Wareneinfuhr aus China 1915 führt.
Länderausschüsse entstehen erst ab 1940, als der Handel mit Ostasien durch den Zweiten Weltkrieg besonderen Herausforderungen gegenübersteht. Die Ausschussarbeit erfolgt in enger Abstimmung mit der OAV-Geschäftsführung, die Sitzungen finden in den Vereinsräumen der Gesellschaft Harmonie in Hamburg statt. Nach und nach werden unter anderem Ausschüsse für Süd-, Nord- und Mittelchina, für Niederländisch-Indien, Thailand und Japan gebildet. Ab den 1950er-Jahren zeigt sich Ostasien als Arbeitsfeld des OAV als insgesamt zu groß und heterogen, die Arbeit verlagert sich verstärkt auf die Länderausschüsse.
Seit der Jahrtausendwende bilden die Länderausschüsse einen wesentlichen Schwerpunkt der Vereinsarbeit und damit das Rückgrat des OAV. Von hier kommen nach wie vor die praktischen Initiativen und Anregungen. Eckhard Rohkamm, Vorsitzender des OAV 2003 bis 2008, betrachtete die Länderausschüsse als die „Werkstätten des OAV“.
Emil Helfferich mit Carl-Vincent Krogmann und dem chinesischen Vertreter Mandschukuos
Das Botschaftertreffen am 23. September 1990 in Berlin. In der Mitte der regierende Bürgermeister Berlins Walter Momper sowie Christoph von der Decken, Vorsitzender des OAV
Rede des japanischen Vertreters, mit Bürgermeister Carl-Vincent Krogmann, Emil Helfferich und dem japanischen Generalkonsul Kawamura Hiroshi
11. März 1950: 50 Jahre OAV und erstes Liebesmahl nach dem Krieg
„Elf Jahre sind seit dem letzten Liebesmahl vergangen. Angesichts der heutigen Verhältnisse schien dem Vorstand die Zeit für ein traditionelles Liebesmahl noch nicht gekommen. Aber die Gründungstage des Vereins vor 50 Jahren konnten wir nicht vorübergehen lassen“ – diese Worte sagt am 11. März 1950 der Vorsitzende Alfred Albers vor 432 Teilnehmern. Zur Wiederaufnahme des Ostasiatischen Liebesmahls kommt man erneut im Hotel Atlantic zusammen. Die Festrede hält Wilhelm Haas, Staatsrat im Bundeskanzleramt von Konrad Adenauer.
Dem runden Vereinsgeburtstag geht eine bewegte Phase im Zuge der Währungsreform 1948 voran, als der Fortbestand des Vereins inflationsbedingt kurzzeitig auf der Kippe steht. Unter anderem überdauert der OAV die Situation dank der Bereitschaft der Geschäftsführung, Bezüge für drei Monate zu reduzieren.
Das Pekingopern-Ensemble beim OAV-Empfang im November 1956, rechts Hartwig Serchinger.
9. Oktober 1952: Gründung Ost-Ausschuss
Im Frühjahr 1952 schlägt der OAV der Bundesregierung die Gründung eines China-Ausschusses der deutschen Wirtschaft vor, um den Handel angesichts der UN-Embargopolitik zu fördern. Dieser Vorschlag stößt jedoch auf politische Widerstände, da ein solcher Ausschuss als Unterlaufung des UN-Embargos interpretiert werden könnte.
Stattdessen regt die Bundesregierung im Juli 1952 die Bildung eines allgemeinen Ost-Ausschusses an, der auch den Chinahandel begleiten soll. Nach kontroversen Diskussionen wird der Ost-Ausschuss am 9. Oktober 1952 in Köln unter dem Dach des BDI gegründet. Die Geschäftsführung liegt überwiegend beim OAV und dem VDMA. Diese Initiative ist entscheidend, um den OAV in das Zentrum der Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik zu rücken. Der Arbeitskreis hält seine erste Sitzung im Dezember 1952 in Hamburg ab und bleibt in den folgenden Jahrzehnten eng mit dem OAV verbunden.
König Bhumipol und Königin Sirikit mit Max Brauer, dem Ersten Bürgermeister der Hansestadt Hamburg
Seit 1953: Kleines Liebesmahl
Neben dem Ostasiatischen Liebesmahl gibt es im OAV immer wieder verschiedene informelle gesellige Zusammenkünfte ohne offiziellen Rahmen, Tischreden oder Festansprachen.
Sie finden an wechselnden Veranstaltungsorten statt, etwa im Curio-Haus, im Uhlenhorster Fährhaus, im Hotel Esplanade oder im Palast-Hotel. Eines der ersten Treffen dieser Art war 1903 das von 21 „Ostasienseglern“ im Ratsweinkeller. Dazu gehören darüber hinaus auch Bierabende, Tanzfeste und das „Curryessen“ für Mitglieder und Freunde mehrmals pro Jahr.
Diese Tradition eines zwanglosen Ostasienabends wird mit dem „Kleinen Liebesmahl“ weitergeführt: Seit der Premiere am 4. November 1953 folgt es alljährlich auf die Mitgliederversammlung inklusive aktuellem Fachreferat.
Auch der Veranstaltungsort unterliegt dem Wandel der Zeit: Nachdem das Kleine Liebesmahl viele Jahrzehnte in Hamburg beheimatet ist, tourt es nun deutschlandweit durch die Mitgliedsunternehmen. So ist es 2015 bei der Trumpf GmbH in Ditzingen, 2016 bei der Jungheinrich AG in Hamburg und 2017 im Allianz Forum am Pariser Platz in Berlin zu Gast. 2018 fand es in Hamburg im Internationalen Maritimen Museum, 2019 in München bei der Freudenberg Chemical Specialities SE und 2020 sowie 2021 aufgrund der Corona-Pandemie digital statt. 2022 ging es wieder nach Hamburg ins ehemalige Hauptzollamt, 2023 nach Frankfurt zur AKA Ausfuhrkredit-Gesellschaft mbH und 2024 wieder zurück nach Hamburg zur Hapag Lloyd Ag.
Seit 1964: Frauen beim Liebesmahl
Ist die Teilnahme von Frauen im Ostasiengeschäft heute selbstverständlich, gestaltet sich die Traditionsveranstaltung jahrzehntelang als exklusives Herrenessen.
Erstmals ganz offiziell sind Begleiterinnen der eingeladenen Mitglieder zum 80. Liebesmahl im Jahr 2000 eingeladen. 1964 werden bereits einige Angehörige des diplomatischen Corps als erste Frauen begrüßt – allerdings nur, weil sie nicht abgewiesen werden konnten.
1976 nimmt ebenfalls eine Frau ohne offizielle Funktion teil: Lady Mary Soames ist verheiratet mit dem Festredner Sir Christopher Soames (damals Vizepräsident der Europäischen Kommission) und zudem Tochter von Winston Churchill. An ihrer Seite sitzt Almut Leibkutsch, die Frau des OAV-Vorsitzenden. Beide fungieren lediglich als „Herren ehrenhalber“ – diese Zeiten sind zum Glück vorbei.
Die ersten Frauen beim Liebesmahl, 1976, Lady Mary Soamers, Frau des Festredners Sir Christopher Soamers und Almut Leibkutsch, die Frau des OAV-Vorsitzenden
1989: Erster Festredner aus Ostasien beim Liebesmahl
Seit den 2010er-Jahren kommen die Liebesmahl-Festredner häufig aus Ostasien – der erste in dieser Reihe ist im Jahr 1989 Arifin Siregar, damals Gouverneur der indonesischen Zentralbank und später Handelsminister der Republik Indonesien (1988 bis 1993).
Große Männer – Der indonesische Staatspräsident Sukarno während eines Besuchs in der Bundesrepublik mit dem Geschäftsführer des OAV, Dietrich Eberhard Groß
1993: Gründung Asien-Pazifik-Ausschuss (APA)
Basierend auf einer Gemeinschaftsinitiative von OAV, Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl wird im Jahr 1993 der Asien-Pazifik-Ausschuss der deutschen Wirtschaft gegründet, kurz APA. Auch die deutschen Auslandshandelskammern (AHK) sind Teil des Netzwerks.
Der APA vertritt die Interessen der deutschen Wirtschaft in der Asien-Pazifik-Region und dient als Plattform für wirtschaftspolitische Diskussionen. Träger sind zunächst OAV, BDI und DIHK, 1999 kommen der Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA) und der Bundesverband deutscher Banken (BdB) hinzu.
Ziele des APA
Stärkung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den Ländern der Asien-Pazifik-Region
Förderung von Handel und Investitionen zwischen Deutschland und Asien
Gemeinsame Gestaltung des Wandels unter den Leitlinien „Partnerschaft, Innovation, Nachhaltigkeit“
Vertretung wirtschaftlicher Interessen der deutschen Unternehmen gegenüber der Politik
Plattform für den Austausch mit Partnern und Initiativen aus Asien sowie politischen Entscheidungsträgern
Unterstützung des Deutschlandbilds in Asien und Förderung des Standortmarketings
Engagement bei wirtschaftspolitischen Veranstaltungen und Regierungsbesuchen und Ausrichtung der Asien-Pazifik-Konferenz (APK)
2000: 100. Jubiläum des OAV, Festakt im Hamburger Rathaus
500 Gäste aus Deutschland und Asien nehmen im Jahr 2000 am 100-jährigen Jubiläum der OAV-Gründung im Rathaus teil. Festredner beim feierlichen Festakt auf Einladung des Senats ist Thailands Außenminister Surin Pitsuwan.
Beim Liebesmahl am Abend sagt Bundespräsident Johannes Rau in seiner Rede: „Der Asien-Pazifik-Raum ist eines der Wirtschaftszentren unserer inzwischen tripolar gewordenen Welt. Deutschland ist auch heute noch einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste Handelspartner außerhalb Asiens für die Länder der dortigen Region. Dazu hat die intensive Pflege der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und dieser Region ganz gewiss beigetragen. In dieser Hinsicht verdankt ganz Deutschland dem Ostasiatischen Verein sehr viel, und ich möchte das heute hier aussprechen.“
2001: Gründung der OAV Young Leaders
Heute sind sie unter dem Namen OAV Young Leaders bekannt, gegründet wird die anfängliche OAV-Juniorenvereinigung 2001 am OAV-Standort Hamburg. Vorangegangen sind umfangreiche Vorbereitungen, vor allem von Präsidiumsmitglied Jürgen Habertag, nun folgt eine kurze Testphase bis 2004. Die Young Leaders der in Asien tätigen Unternehmen werden bis heute von den OAV-Mitgliedern selbst benannt.
Seit 2017: Stärkung der Young Leaders
Da die Bedeutung der jungen Asienexperten stark zugenommen hat, werden die Young Leaders stärker in die Arbeit des OAV eingebunden. So haben sie seit 2017 einen eigenen Sitz im Präsidium, um ihren Themen mehr Gewicht und Einfluss zu verschaffen.
Zu ihren Eigeninitiativen gehört das Format Round Table Industrie seit 2017. Er dient dem Austausch unterschiedlicher Branchenzweige wie Maschinen- und Fahrzeugbau über aktuelle Themen mit Asienbezug und findet erstmals bei der Trumpf GmbH in Ditzingen statt. Da die Altersgrenze für eine Mitgliedschaft bei den OAV Young Leaders bei 40 Jahren liegt, befindet sich seit Ende 2024 mit den OAV Alumni eine Nachfolgeorganisation für ehemalige Young Leaders im Aufbau.
2020: 120. OAV-Bestehen und 100. Liebesmahl
Das Jahr des 120. OAV-Bestehens ist geprägt von der Coronapandemie: Die Feier wird von März auf Anfang November verschoben, um dann pandemiebedingt doch erst im Jahr 2023 durchgeführt zu werden. Ein im Jubiläumsjahr zusätzlich geplantes kulturelles Highlight, ein festliches Konzert in der Elbphilharmonie mit eigener Komposition fällt der Pandemie zum Opfer.
2025: 102. Ostasiatisches Liebesmahl – 125 Jahre OAV
Am 15. März 2025 feierte der OAV im Hamburger Rathaus sein 102. Ostasiatisches Liebesmahl im Rahmen seines 125-jährigen Jubiläums. Rund 300 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Diplomatie nahmen teil. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und die Premierministerin Sri Lankas, Harini Amarasuriya, würdigten in ihren Reden die Bedeutung starker Handelsbeziehungen zwischen Europa und Asien. Begleitet wurde die Veranstaltung von einem vielseitigen Rahmenprogramm mit Länderausschüssen, Foren und Expertenrunden.
Ehemaliger Wirtschaftsminister Dr. Robert Habeck
Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier